Evangelisches Glaubensleben

    Reformation und evangelisches Leben in der Herrschaft Kobersdorf

    Innerkirchliche Missstände, aber auch wirtschaftliche, soziale und politische Gründe förderten die reformatorischen Bestrebungen des Augustinermönchs Dr. Martin Luther, der 1517 seine grundlegenden 95 theologischen Thesen in Deutschland veröffentlicht hatte.

    Der zu dieser Zeit erfundene Buchdruck begünstigte zusätzlich die rasche Verbreitung der Lehre Luthers durch Flugblätter, Streitschriften und bald auch Bücher in ganz Deutschland. Kaufleute und insbesondere Weinhändler brachten diese Werke und Nachrichten über die entstehende kirchliche Revolution in Deutschland schon wenige Jahre nach Luthers Thesenveröffentlichung auch nach Ödenburg (heute Sopron) und Umgebung.

    Sowohl der ungarische König als auch der ungarische Reichstag versuchten, diese Entwicklung durch strenge Anordnungen - bis hin zur Verhängung der Todesstrafe für entdeckte Anhänger der neuen Lehre - einzudämmen. Trotz dieser drastischen Gegenmaßnahmen verbreitete sich der Protestantismus gerade im westungarischen Raum in den folgenden Jahrzehnten aus mehreren Gründen besonders stark.

    Ein wesentlicher Grund waren die Türkenkriege jener Zeit. Am 29. August 1526 war neben dem ungarischen König Ludwig und einem Großteil des Adels auch der Bischof von Raab (heute Györ) neben sechs weiteren Bischöfen in der vernichtenden Schlacht bei Mohács gefallen und die Diözesen blieben lange verwaist.

    Die aus den verschiedensten persönlichen Motiven resultierende Einstellung zahlreicher adeliger ungarischer Grundherren zum Protestantismus war ein weiterer wesentlicher Grund. Nach dem damals gültigen Rechtsgrundsatz „cuius regio, eius religio (wes das Land, des der Glaube)“ konnte der Grundherr die Konfession seiner Untertanen bestimmen.

    Einer der eifrigsten Anhänger der Lehre Luthers wurde Hans von Weisspriach, von 1510 bis ca. 1550 Grundherr von Kobersdorf. Er vertrieb die katholischen Pfarrer, setzte in allen Orten seines Herrschaftsbereiches protestantische Prediger ein und sorgte so für die Durchsetzung des neuen Glaubens in seinem Gebiet.

    Auch seine ersten Nachfolger waren protestantisch gesinnt und die von Luther eingeleitete Verwendung der deutschen Sprache in den Messen anstatt der bis dahin üblichen lateinischen Sprache war generell auch für die großteils deutschsprachigen Untertanen in Deutschwestungarn zusätzlich förderlich für die Annahme des neuen evangelischen Glaubens.

    Erst ab 1661 setzte in der Herrschaft Kobersdorf unter Graf Franz II. Kéry und seinem Verwalter András Miklossy die Gegenreformation mit der Vertreibung der evangelischen Pfarrer und der Rekatholisierung der Untertanen ein. Im Untergrund hielt sich jedoch in den folgenden 200 Jahren in zahlreichen Familien des Herrschaftsbereiches ein Geheimprotestantismus.

    Mit dem am 25. Oktober 1781 in Ungarn in Kraft getretenen Toleranzpatent des österreichischen Kaisers und ungarischen Königs Joseph II. wurde schließlich auch religiösen Minderheiten deren Religionsausübung offiziell erlaubt. Voraussetzung für die Gründung einer evangelischen Kirchengemeinde war das Bekenntnis von mindestens 100 Familien zur evangelischen Konfession.

    Um diese gesetzliche Bedingung zu erfüllen, schlossen sich die früher aus zwei bzw. drei Pfarren bestehenden Gemeinden der Herrschaft Kobersdorf zu einer Pfarrgemeinde zusammen. Bereits ab April 1784 hielt der erste Prediger Gottesdienste.

    In den nur vier folgenden Jahren wurden Kirche, Pfarrhaus und evangelische Schule in Kobersdorf gebaut und damit auch für die Tschurndorfer Evangelischen zuständig.

    Die „Tochtergemeinde Tschurndorf“ errichtete 1921 einen ersten eigenen Glockenturm aus Holz, der im Jahr 1954 durch den heutigen gemauerten Turm ersetzt wurde.

    Im Jahr 1980 stellte die politische Gemeinde einen Raum der früheren örtlichen Volksschule (1907 – 1974) als Betsaal zur Verfügung, in dem seit damals einmal monatlich ein Sonntagsgottesdienst angeboten wird.

    Nach einem Raumtausch mit dem örtlichen Kindergarten im selben Gebäude wurde 2008 ein neuer evangelischer Betsaal eingerichtet.

    Ein altes Schwarz-Weiß-Foto einer Straße mit einer Kirche auf der linken Seite und Häusern auf der rechten Seite. Eine Person geht die Straße entlang.
    Eine Kirche mit einem hohen Turm und einem Kreuz auf der Spitze, umgeben von einem Rasenbereich und einem rosa blühenden Baum.
    Eine leere Kapelle mit Holzstühlen und einem Kreuz an der Wand.